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Paola schreibt vom Leben
14.10.2007

Vom Herbst, vom Schreiben und vom bösen Ich in meinen Figuren

200710241701

Ich liebe den Herbst: Die morgendliche Kühle, das Rauschen des Windes, die Färbung der Blätter. Heute Morgen wurde ich im Garten fast geblendet von der Sonne, die alles in ein kitschig goldenes Licht tauchte. Ich befand mich in einer märchenhaften Welt.

Inzwischen tiefblauer Himmel, nicht eine einzige Wolke zu sehen. In mir verwirrende Gefühle von Glück und Aufbruch. Lange nicht erlebte in dieser Intensität, Helligkeit und Leuchtkraft.

Zum Schreiben komme ich mehr als noch vor ein paar Wochen, und es gelingt auch wieder besser, obwohl ich noch immer nicht wieder da angekommen bin, wo mich vor etwa einem Jahr die Blockade traf. Alles, was ich schrieb, kam mir seicht und langweilig vor. Mir gelang es nicht mehr in die Tiefe der Dinge zu schauen. Nach ein paar Zeilen jedesmal der Abbruch. Danach im Wechsel Traurigkeit, Einsamkeit, Wut, Angst.

Die Blockade ist nicht mehr aus Beton und hat sich dennoch nicht aufgelöst. Nur durch Schreiben kann ich sie vernichten. Zur Zeit erzähle ich eine Geschichte nach der anderen bis zur Mitte, und dann geht nichts mehr. Seltsam: Ich habe Angst vor dem Handeln meiner Figuren. Einige von ihnen sind kalt, manche scheuen sich nicht vor brutalen Aktionen. Sie machen mir Angst. So bleibt ein Teil ihrer Geschichte unerzählt. Aber man kann sie nicht anders schreiben, denn die Figuren streben ihrer Anlage gemäß auf einen unversöhnlichen Ausgang hin. Oder gar auf ihre eigene Vernichtung.

Nun baut sich die Blockade also nicht mehr vor dem Schreiben auf, sondern geschieht währenddessen. Also beginne ich eine neue Geschichte, ab deren Mitte auch diese um ihre Vollendung betrogen wird. Auf Dauer macht mich das unzufrieden, auch weil ich im Lernen stagniere, denn Schreiben lernt man nur durch Schreiben. Und anders als im Sport, wo das Alter mehr und mehr Begrenzungen auferlegt, wird das Schreiben umso besser, je mehr man es trainiert. Und gutes Schreiben hat eben etwas mit Erfahrungen zu tun, die auch rein innerlicher Natur sein können. Wenn ich diese Erfahrungen aber aus Angst vor unangenehmen Erfahrungen und deren Konsequenzen scheue, bleibe ich dort stehen, wo ich nicht sein will: In der Mitte.

Vielleicht hat die jetzige Blockade etwas damit zu tun, dass ich davor zurückschrecke, mich mit Schlechtem und Bösem zu identifizieren. Nun sind zwar die Figuren nicht Ich, aber ein Teil des Ich geht natürlich in eine jede Figur mit ein, und ich fürchte wohl, dass der schlechte Teil meines Ichs von den bösen Gedanken, Gefühlen und Handlungen meiner Figuren verraten wird. Dass diese über meine eigene Bösigkeit Zeugnis ablegen.

Von eben dieser Angst muss ich mich lösen. Dann werden meine Geschichten weiter und runder und ... interessanter. Wer will schon von Tugendbolden und Heiligen lesen?

01.10.2007

Und noch einmal Amy

Endlich hatte ich mich zu einen Termin durchgerungen. Nach fünf Monaten Unbeschnittenseins sah mein Haar ungepflegt aus, es fiel schon auf die Schulter und zog mein schmales Gesicht noch mehr in die Länge: alles zeigte inzwischen nach unten: Nasenspitze, Mundwinkel, ja der ganze Kopf hatte eine spezielle Neigung eingenommen.

Ich rief also "Chez Pierre" an und bat um eine schnelle Reservierung bei meinem Lieblingsfriseur Sead. Im Frühjahr hatte er einen Meisterlehrgang besucht. Ich war darauf gespannt, was er neuerdings zu bieten hatte.

"Sead?", tönte die hohe Stimme mit rheinischem Einschlag. "Sead ist nur freitags da, aber erst einmal zwei Wochen gar nicht".
" Dann möchte ich zu Amy."
"Am Donnerstag, 9 Uhr. Ich trag Sie ein?"
War das nicht Amys Stimme? - "Gut, am Donnerstag, 9 Uhr".

Als ich am Donnerstag vor dem Friseursalon eintraf, war alles dunkel, und die Ladentüre verschlossen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass man mir dort einen falschen Termin gab, ... . und ich regte mich sofort auf, zumal ich im Regen stand. Es war kalt, windig, und ich war nicht entsprechend angezogen. Ich zog die Kapuze hoch, weitere fünf Minuten vergingen. Da sauste plötzlich ein kleines Persönchen an mir vorbei, das ich sofort als Amy identifizierte, und schob mich etwas unsanft beiseite, um die Ladentür aufzuschließen.

"Öffnen Sie donnerstags überhaupt schon um 9 Uhr ?", brachte ich etwas dümmlich hervor. Ich war offensichtlich wütend.
"Lassen sie mich doch erst einmal reingehen", meinte Amy schnippisch und rannte zum Telefon, das seit ungefähr 15 Minuten aus dem Ladeninneren schrillte.
Mein Zorn steigerte sich, aber ich blieb auf der Schwelle zum Laden stehen, obwohl sie nach dem Telefonat hin- und herrannte und Vorbereitungen für die Arbeit traf. Mich aber keines Blickes würdigte.

In Zeiten vor meiner Behinderung hätte ich den entsprechenden Abgang gefunden und sie wie einen begossenen Pudel stehen lassen, ängstlich darum besorgt, dass ihr Verhalten nicht auch noch dem Chef gemeldet würde. Und ich hätte diesen Abgang ausgekostet. Aber so?

Ich blieb. Fragte sie mit leicht verärgerter Stimme, ob ich einen Termin hätte und schaute dabei auf meine Armbanduhr.

"Ich war um Punkt 9 Uhr hier", sagte sie spitz. Wie ist Ihr Name? - Ja, Sie haben bei mir Termin. Setzen Sie sich da vorne hin. Ich hänge Ihre Jacke auf."

Dann kam sie zu mir: "Nur Waschen und Schneiden oder auch Färben? - Nötig wär das ja. Ist besser als Tönen. Und sie erklärte mir, wie sich die Farbe beim Tönen "ums Haar schmiegt und legt", und dass man beim Tönen nur eine oberflächliche Farbgebung erreiche, die bei jedem Waschen schwächer werde.

Sie überzeugte mich und überließ mich einer schüchternen Auszubildenden aus Polen, die mir anfangs beim Waschen fast den Kopf unterkühlte, deren geschickte Hände dann aber bei perfekter Wassertemperatur meine Kopfhaut so sanft massierten, dass ich beinahe darüber eingeschlafen wäre.

Inzwischen war der Laden voll, und Amys Laune besserte sich gewaltig, als der erste männliche Kunde eintrat und um einen Termin bei ihr nachfragte. Sofort streckte sich das kleine Persönchen, ihr hübsches Gesichtchen strahlte, und sie begann mit mir zu plaudern. Sie bot mir Kaffee oder Tee an, gab mir Tipps für die Haarpflege und schloss die Ladentür, damit ich mich nicht erkältete, während ich da mit der Farbmasse auf dem Kopf der Kälte ungeschützt ausgeliefert war.

Langsam beruhigte ich mich wieder und begann ihr die Schnippigkeit zu Anfang nachzusehen. Ich beobachtete sie heimlich. Es kam mir so vor, als ob sie abgenommen hätte. Der Po zeichnete sich nicht mehr ganz so prall unter den engen Jeans ab. Sie wirkte aber auch ein wenig älter auf mich als noch vor einem halben Jahr. Aber wahrscheinlich bildete ich mir das nur ein. Jedenfalls meldeten sich in den zwei Stunden meiner Anwesenheit mindestens fünf Männer bei ihr an. Ihre Anziehung aufs andere Geschlecht schien sie jedenfalls nicht eingebüßt zu haben. Frauen fühlten sich eher zu einer der anderen Friseusen hingezogen. Eigenartig. Es war übrigens ein bestimmter Typ Mann, der zu ihr strebte: Jung, schlank, um die dreißig, gepflegt-moderne Kleidung, wahrscheinlich erfolgreich, kommunikativ. Und mit jedem sprach sie so, als wäre sie eng mit ihm befreundet.

Endlich war ich fertig, konnte schon kaum mehr sitzen. Ich war zufrieden. Das Haar glänzte schön, die Farbe, die man noch zwei Stunden zuvor als langweiliges Dunkelblond mit Grauschleier treffend beschrieben hätte, ging nun ins Aufregend-Rötliche. Farbe und Pagenschnitt verjüngten mich um mindestens ein Jahrzehnt:, und so fühlte ich mich auch.

Eigentlich hatte ich Amy kein Trinkgeld geben wollen, keinen einzigen Cent, wie auch sonst sollte sie Höflichkeit lernen. Dann brachte ich es doch nicht übers Herze. Dabei steckte ich zunöchst meine einziges Kleingeld, ein 2-Euro-Stück in das Sparschweinchen der jungen Polin, die sogar meine Kopfschmerzen wegmassiert hatte. Nun hatte ich als nächst kleine Einheit nur einen 5-Euro-Schein oder ein 50-Cent-Stück. Amys Sparschwein, besser: Sparfrosch war offen. Ich legte also den Schein hinein, erntete ein hohheitsvoll knappes "Danke". Am liebsten hätte ich den Schein wieder heraus geholt, um mir selbst etwas davon zu gönnen. Amy wusste das, aber sie wusste auch, dass ich viel zu feige war, das zu tun.

"Ihr nächster Termin bei mir in sechs oder in acht Wochen, wie immer?"
"Ich weiß nicht ...", stammelte ich.
"Sechs Wochen sind natürlich besser, besonders weil ihr Haar lange nicht geschnitten wurde."
"Nun gut, dann in sechs Wochen."
"Donnerstag um neun wie heute?
"Ja, okay!"

Sie half mir in meine Jacke und brachte mich zur Tür.
"Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen. Und auf Wiedersehen."
"Auf Wiedersehen."

Jeder, der mich in den nächsten Stunden sah, äußerte sich begeistert über meine Frisur und den schönen frischen Glanz. Auch ich freute mich an der auffallenden Verbesserung meines Äußeren. - Bis zum übernächsten Morgen, als Helmut mir die Haare wusch. Nach dem Fönen stellten wir beide fest, dass sie auf der rechten Seite total verschnitten waren.

Die nächsten beiden Tage hatte ich wegen anderer Termine keine Zeit, den Schnitt korrigieren zu lassen. Eine Woche später hätte man mir unterstellen können, ich hätte selbst Versuche zur Korrektur unternommen, und dann greift die kostenlose Behebung des Schadens nicht mehr. Und nun ist schon wieder so viel Zeit vergangen, dass der nächste Termin für Waschen, Schneiden, Ansatz-Färben näherrückt.

Es sieht kaum so aus, als würde ich ihn absagen. Den Termin bei Amy.

31.07.2007

Summertime ...

Ich habe zu lange auf den Sommer gewartet, dachte, er werde mich schon zum Schreiben bringen.

Aber der Sommer kommt nicht, und so lassen auch die Sommergeschichten auf sich warten.

Es war eben ein Fehler zu denken, dass das eine mit dem anderen irgend etwas zu tun haben könnte. Vielleicht hätte ich den Sommer eher mit einer Geschichte hinter den Wolken hervorlocken können als darauf zu hoffen, dass nur ER reich an Geschichten wäre, die er mir ohne Gegenleistung als Geschenke zur Verfügung stellen würde.

Ich warte nicht mehr, ich schreibe sie einfach: die erste Nicht-Sommer-Geschichte in diesem Jahr. Ich schreibe sie heute, am 31. Juli 2007.

Wetten .......

26.04.2007

Amy

"Mit Üpsilon bitte, mit Üpsilon am Ende, und am Anfang mit A, manche schreibens mit I. Und ich arbeite nur dienstags, aber dann am Nachmittang, am Montag nie und am Samstag schon mal gar nicht. Schön sehen Sie aus, haben wir gut gemacht. Die Farbe wird sowieso immer schwächer."

Sie geleitete mich hinaus, und das so graziös sie nur konnte in ihren knallengen Jeans, hielt länger als üblich die schwere Glastüre auf. Ich hatte ihr vor Erschöpfung 5 Euro Trinkgeld statt der gewohnten 2 € 50 gegeben. Sie nahm den Schein gelassen selbstverständlich an, ganz Dame. Was nicht so leicht ist bei einer Körpergröße von vielleicht 150 Zentimetern. Aber ihre Körperhaltung ist kerzengerade, was sie wohl ihren Balettstunden in früher Kindheit verdankt und nicht zuletzt ihrem Bedürfnis wahrgenommen zu werden. Das gelingt ihr zweifellos.

Während sie mich behandelte, warteten drei junge männliche Kunden auf sie, von denen jeder darauf bestand, von ihr und nur von ihr bedient zu werden. Ich stelle mir vor , dass ihre sanften Berührungen beim Waschen und Schneiden sowie ihr pausenloses einfaches und melodisches Sprechen auch erotisch wirken. Ihre Stimme ist ein wenig laut, aber in ihrem leichten Singsang angenehm, sanft, beruhigend. Einer der jungen Männer hält beim Schneiden die Augen geschlossen.

Eigentlich war ich nur zum Haareschneiden gekommen, schon das Waschen hielt ich für zu anstrengend. Ich stellte ihr beiläufig die Frage, wann ich wieder zum Tönen kommen sollte, das letzte Mal war gerade mal sechs Wochen her. Sie aber überredete mich, es sofort in Angriff zu nehmen, zumal das Superspecial des Salons am Samstag auslaufe: immerhin Waschen mit Spezialshampoo und Spülung, Cut, Tönung, FrisurFöhnen und einer Flasche Spezial-Shampoo zum Mitnehmen. Und das alles für sensationelle 49, 90 Euro. Ich war zu schwach um zu entsagen oder auch nur zu widersprechen. Amy zeigte mir einige Falschhaarbündelchen in unterschiedlichsten Farbabstufungen, die angeblich zu meinem Teint und Typ passten. Eine davon sollte ich auswählen. Ich sage gleich, ich hätte auch auf ein anderes FarbBündelchen tippen können, es wäre kaum etwas anderes dabei herausgekommen. Zumindst sehe ich keinerlei Ähnlichkeit mit meiner Farbwahl.

Nun, die Haare wurden gewaschen, und beim Schneiden erfuhr ich einiges über das bisherige Leben und vor allem die Lebensphilosophie der Sechsundzwanzigjährigen, die nach der Grundschule die so genannte Ketchup-Schule absolvierte, eine Gesamtschule, die beim Pisatest zu den besten gehörte. Eigentlich hatte ich nur nach dem Friseurgesellen gefragt, der mich sonst immer zu meiner vollen Zufriedenheit verschönert hatte. "Ach, der Paco, der ist auf der Meisterschule, macht die letzten Prüfungen." - "Ist ja super", lobte ich, "und Sie, wollen Sie sich nicht auch einmal selbstständig machen?" - "Ach, wissen Sie, wenn mans mit der Theorie nicht so hat, weil die einem schon als Kind rausgeprügelt wurde, lässt mans besser bleiben." Und sie erzählte von einer alten Lehrerin, die die Kinder damals nicht nur hart anpackte, sondern auch noch charakterlich beschimpfte. So galt ihr die kleine Amy als "notorische Lügnerin." Das Gespräch wurde unterbrochen, weil inzwischen die Tönungsfarbe aufgetragen war und einziehen musste. Die Bügel meiner Brille packte Amy in Alufolie, damit ich lesen konnte, sie brachte mir auch noch ein Glas mit frischem kühlem Wasser.

Plötzlich hörte ich auf der anderen Seite des Salons eine Englisch sprechende Männerstimme, der in fließendem breitem Amerikanisch geantwortet wurde. Es war - zu meinem großen Erstaunen - Amy, die laut und stolz mit einem jungen, gut aussehenden männlichen Kunden auf Englisch flirtete, während sie ihm die Haare mit dem speziellen Schneideapparat auf minimale Stoppelgröße brachte. Ich sah sie im Spiegel: ein kleines Persönchen mit schmalen Schultern, breiten Hüften, sehr weiblich geformten Beinen und einem kleinen, leicht hoch stehenden, afrikanischen Po, um den sie sicherlich beneidet wurde und den sich berühmte Frauen von berühmten Schönheitschirurgen à la JeLo gestalten lassen. Das hübsche kleine Gesicht wie auch die übrige Haut zart gebräunt, Körperhaltung und Bewegungen graziös und stolz. Se trug ein ärmelloses weißes T-Shirt und eben enge dunkelblaue Hüftjeans. Leider konnte ich dem Gespräch nicht folgen: Neben mir wurde gerade eine Föhnfrisur kreiert.

Zwischen den Behandlungen der Herren kam Amy immer wieder zu mir zurück. Eine Kollegin wusch schließlich die Farbe aus, und es ging aufs Ende zu. Während Amy mein Haar nachschnitt, erzählte sie mir, dass sie einen sehr sensiblen Hormonhaushalt habe, der sie anders als andere Frauen fast drei Wochen außer Gefecht setze, und dass sie in dieser Zeit sehr auf ihre Reaktionen aufpassen müsse. Deshalb wolle sie Yoga lernen. Beim Föhnen erfuhr ich von ihrem sensationellen Eisprung. "Ich höre förmlich innerlich einen Knall, wenn er kommt, und dann setzt ein wahnsinniger Schmerz ein." Auch dafür solle Yoga gut sein. Das Thema war mir ein wenig schwierig, deshalb fragte ich sie nach ihren sensationellen Englischkenntnissen. "Amerikanisch", sagte sie, "nicht Englisch, Amerikanisch! Auch das wollten sie mir in der Schule austreiben, aber da haben mir meine Eltern geholfen, meine Mutter kommt nämlich von da." - "Und Ihr Vater?" - "Aus Afghanistan, ich spreche fünf Sprachen, fließend! Und einmal im Jahr fahre ich in die Staaten, wenn ich es schaffe. Zu meiner Familie." - "Wohnen Ihre Eltern jetzt in den USA?" - "Nein, das sind die einzigen, die noch hier sind!"

Schließlich war ich fertig! Sie war stolz auf ihr Werk. Aber ohne Brille konnte ich nichts so richtig erkennen, vor allem die Farbe nicht. Mir kam sie ein wenig ungleichmäßig vor. Amy reichte mir meine Jacke, half mir den Rucksack aufzusetzen, und es ging zur Kasse. Als ich endlich draußen stand, waren drei Stunden statt der versprochenen anderthalb vergangen. Draußen schien die Sonne, ich fühlte mich plötzlich angenehm leicht, verjüngt und fröhlich. Und ich hatte Amy kennen gelernt.

30.03.2007

S o m m e r z e i t

Heute Morgen wachte ich auf und erschrak, weil es schon so ungewöhnlich hell war, halb neun zeigte die Uhr.

"Verschlafen", war mein erster Gedanke, verbunden mit einem heftigen Schuldgefühl!

V E R S C H L A F E N

Erst ein paar Momente später fiel mir ein, dass die Uhren des Nachts umgestellt worden waren. Die Helligkeit kam von der Sonne, auch waren die Rolläden geöffnet. Und mein Wecker ist eine Funkuhr.

Somit hatte alles seine Ordnung.

Aber woher kam mein Schuldgefühl?

Es ist Sonntag, und außerdem gehe ich seit mehr als drei Jahre keiner geregelten Arbeit mehr nach.

Ich zähle dem Schuldgefühl alle Argumente für seine überflüssige Anwesenheit auf, aber es will sich nicht überzeugen und schon gar nicht vertreiben lassen. Es verdirbt mir den Tag. Es stiehlt ihn mir förmlich.

"Warum arbeitest du eigentlich nicht mehr?" fragt es provozierend.

"Das weißt du doch so gut wie ich.", antworte ich lauter als mir zumute ist.

"Du könntest es doch wenigstens noch einmal versuchen!" - zischt es freundlich wie eine Schlange.

"Und wie, wenn ich kaum ein paar Minuten sitzen kann?" versuche ich mich zu verteidigen, während ich denke: "Warum verteidigst du dich bloß immerzu?!"

"Du könntest es doch wenigstens noch einmal versuchen", wiederholt es etwas freundlicher.

Frühstücken, Aufstehen, Anziehen und Spazierengehen.

Essen gehen, Kaffee trinken, Freunde besuchen und Eis essen gehen.

Mein Gewissen gibt endlich Ruhe. Ich musste es nur auf die richtige Art provozieren.

23.03.2007

Sterben und Tod - Von den Bildern die weiter leben

Mit Jana spreche ich zur Zeit über das Sterben.

Dabei geht es weniger um unser eigenes Sterben und die mögliche Angst davor, sondern mehr um die Erfahrungen, die wir mit dem Sterben und dem Tod anderer Menschen gemacht haben. Jede für sich. Bei Jana liegen die Ereignisse noch kein Jahr zurück.

Seltsam: Obwohl diese Erfahrungen bei mir nicht mehr ganz frisch sind, tut es mir gut, sie heute und endlich einem anderen Menschen mitzuteilen, bestimmte Erinnerungen sogar mit ihm zu teilen. Bis dahin hatte ich sie eher für mich behalten.

Nun hatte ich natürlich nicht etwa das jeweilige Ereignis für mich behalten, so spreche ich immer noch mit anderen über den Tod meiner Mutter. Auch berichtete ich immer davon, dass ich Zeugin eines "schweren Unfalls mit Todesfolge" geworden war. Aber über die Bilder habe ich nicht sprechen können. Die Bilder habe ich für mich behalten. Bis heute, bis ich sie Jana erzähle, die mir zuhört, den Kopf leicht geneigt, wie immer, wenn sie konzentriert ist.

Die Bilder - sie haben schon früher immer wieder zu mir zurück gefunden und mich erschreckt. Das waren weniger die Bilder von den alten Toten, die mit gefalteten Händen in einem sauber bezogenen Krankenhausbett aufgebahrt lagen. Und wenn sie mir im Leben auch noch so nahe standen wie meine Mutter zum Beispiel und meine Schwiegermutter, diese Bilder erschrecken mich nicht. Zwar machen mich manchmal die Erinnerungen, die sie beschwören, traurig, aber das ist nicht das Gleiche.

Vor Jana entstehen noch einmal die Bilder vom Sterben der jungen Leute in Paris, die mich bis heute nicht in Ruhe lassen. Ich kannte die fünf - zwei Männer und drei junge Mädchen - nicht, erfuhr auch nicht, wer sie vor ihrem Tod gewesen waren, denn damals verbrachte ich nur ein paar Stunden in Paris, und das Internet als schnelle Informationsquelle gab es noch nicht, damals, im Sommer 1988.

Aber ich sehe sie vor mir, immer noch, manchmal wache ich auf und sehe sie. Vor allem die junge Frau sehe ich, wie sie mich ansieht mit blinden Augen unter flatterndem Haar, blond, eine Puppe im roten Minirock, die man an die Leitplanke geheftet hat.

Die kostbaren Stunden, die wir so sorgsam geplant und vor allen verborgen hatten, wollte ich mit meinem Freund in der Stadt der Liebe teilen. Aber da war nichts mehr. Das köstliche französische Mittagessen musste ich erbrechen. Reden konnten wir nicht miteinander. Ein Später sollte es nicht mehr geben. Jener sonnige Tag im August wurde zum letzten Tag in unserer Freundschaft, was wir nicht sofort ahnten, aber wenig später bereits wussten. Mit einer roten Honda Gold Wing waren wir majestätisch in die Stadt eingefahren. Der Weg führte direkt an dem Unfall vorbei. Mit der Bahn 2. Klasse fuhr ich zurück, allein. Auf ein Motorrad setzte ich mich nie wieder. Vorbei.

Ich bin dankbar, dass Jana mir zuhört. Ich bin froh, dass sie mir von ihren Bildern erzählt. Die Bilder in ihrem Kopf sind noch schlimmer als die in meinem, denn sie kannte die Menschen, zu denen sie gehören, so dass die Bilder auch in ihrem Herzen fest verwurzelt sind.

17.03.2007

Vom Busfahren und anderen Abenteuern

Ich hielt es einfach nicht mehr aus, es war zwar kalt und deshalb besonders schmerzhaft für mich nach draußen zu gehen, aber ich hatte plötzlich das Gefühl zu ersticken: an dem wunderbar weichen Rollkragenpullover konnte es nicht liegen, denn den hatte ich heute Morgen trotz meiner Verfrorenheit im Schrank hängen lassen. Er war mir zu neu, zu empfindlich, er hätte befleckt werden können. Er ist nämlich von besonders wollweißer Farbe.

Ich musste nicht nur raus, also zum Beispiel zum Waldrand spazieren und zurück, zum Obst- und Gemüsestand Schneiders und dort die für jede Mahlzeit obligatorischen kleinen knackigen kleinen Tomaten kaufen, die einzigen, die zur Zeit ein wenig Geschmack haben. Nein, ich musste in die City. Großes Wort für unsere 300 000 Einwohner-Stadt, die sich seit etwa 15 Jahren Schritt für Schritt wieder auf Dornröschen vorbereitet, aber in der City gibt es verschiedene Sorten von Leuten und nicht nur die brave Bergbevölkerung mit ihren braven Kindern, Hunden, Katzen und Kaninchen. Ja, und den Kranken, auf die man ab und zu stößt und einen kurzen Blick wirft, wenn sie zum Beispiel mit Infusionsgerät oder fest verbandelter Nasenkanüle oder dickem Halsverband auf eigenen Füßen - manchmal am Arm einer helfenden Person - im Jogginganzug oder Bademantel das kleine Lotto-Zeitschriften-Tabak-Geschäft aufsuchen. Früher hätten sie sich von der Krankenschwester im Rollstuhl schieben lassen dürfen, heute werden sie eben früher wieder selbstständig gemacht - dank Ullas Gesundheitsreform.

Nein, ich musste die richtigen Leute sehen, diese bunte Mischung aus jung und alt und die dazwischen. In unserer Stadt gibt es ganz viel endmittlere Bevölkerunganteile. Und im Bahnhof und um ihn herum kann man junge Leute aus aller Herren Länder, bestaunen, die in mancherlei Geschäfte verwickelt sind. Hier ist Multikulti kein leerer Begriff, sondern gelebtes Leben. Man trinkt schon morgens gemeinsam ein Bierchen, teilt sich wohl nachts die letzte Zigarette, ernährt sich von Döner, Pizza und Pommes frites. Manchmal gerät man in Streit, aber das unterstreicht nur die gelebte Normalität.

Dorthin zog es mich. Zwar nicht unbedingt zu diesen jungen Leuten, aber die könnten wohl auch schwerlich etwas mit MIR anfangen, aber in diese bunte Welt. Denn ich vergaß: in der City gibt es natürlich auch viele Geschäfte mit vielen bunten Angeboten für jeden Geschmack.Ddie Werbung für die Angebote bekommen wir natürlich täagtäglich FreiHaus geliefert. Da ich mir - frei von Süchten wie Essen, Alkohol, Rauchen, Drogen - für das Jahr 2007 auch noch das Kaufen von Dingen abgewöhnen wollte, die ich nicht unbedingt brauchte und die auch wir nicht unbedingt brauchten, war ich dazu übergegangen, sämtliche Werbung tapfer wegzuwerfen, bevor ich sie mir anschaute, ja, ich bat sogar meinen Mann darum es zu tun, was ihm, einem Kaufunlustigen, wie er im Buche steht, wenn es sich nicht gerade um Bücher handelt, eine große Freude bereitete. Ich, die Oberschnäppchenjägerin, übersah heroisch die Riesen-Zahlen auf den Zeitungsseiten: 50%, 60%, 70%, 80%, ja sogar 90%! Aber ich brauchte nichts. Mein Mann brauchte nichts. Die Kinder brauchten nichts. Und zu allem Pech hatte niemand Geburtstag. Man konnte aber doch nicht einfach in die Stadt fahren, um NICHTS zu kaufen?

Was war zu tun? Ich wollte in die Stadt. sie zog mich nicht nur magisch an, nein, sie riss und zerrte an mir wie Orkan Kyrill und verdrehte dazu meinen Verstand wie mir schien. Ein kurzer Blick in den Spiegel: Ich sah furchtbar aus. Die Masseurin hatte heute auch meine Schulter und meine Halswirbelsäule massiert und das Öl hatte scheußliche Spuren zurückgelassen. Duschen? Ich schaute auf die Uhr: Halb eins, kein Problem also - außer: Der kalte Kneippguss zum Abschluss würde mich ernüchertern, und ich würde zu Hause bleiben.

Also nichts wie los! - War das Portemonnaie im Rucksack? Es war. - Der Schlüssel? Ja, da baumelte er schon um meinen Hals. Also, das Handy in die Hosentasche, die warme Jacke angezogen, die Krücken tapfer umfasst, und los gings zur Bushaltestelle. Der Bus war wider Erwarten recht voll, aber irgendein Mensch ist immer so freundlich, mir seinen Platz zur Verfügung zu stellen. Ich wurde von einer freundlichen Dame angesprochen, gab aber eher einsilbige Antworten, ohne unfreundlich zu sein. Aber ich fieberte der Stadt entgegen, denn ich war Monate nicht dort gewesen. Hatte mich einfach nicht getraut: die Wochen vor Weihnachten hatte ich Angst, in den Kaufhäusern geschubst und bedrängt zu werden, und außerdem verursacht das lange Laufen auf oft holprigen Wegen besonders in der kalten Jahreszeit Schmerzen, die stundenlang anhalten können.

Endlich hielt der Bus am Bahnhof, und ich konnte aussteigen. Ich schnupperte die Stadtluft: Schön. Wohin sollte ich als erstes gehen?

Es zog mich zu meinem Lieblingsbekleidungsgechäft. Ich ging hinein, nur mal gucken. Eine Verkäuferin kam auf mich zu: "Kann ich Ihnen helfen?" - "Hm, dieser Pullover hier, slso, diese Farbe, steht sie mir? Ich hielt mir einen Kaschmirpullover mit Rollkragen in einem satten Bordeauxton unters Gesicht. -
"Ich meine schon, sie können ihn aber auch gerne anprobieren, dann kann ich das besser beurteilen."
- "Ach, das ist mir zu umständlich!"
- "Ich helfe Ihnen gern dabei, anprobieren ist immer besser."
In der Kabine stellte ich fest, dass die Pullover, die kuschelig weich waren - "zweifädiges Kaschmir, das ist schon ein gutes Angebot!" - alle von 89 auf 55 Euro herunter gesetzt waren. Ich kaufte natürlich vier davon: grau, braun, schwarz, bordeaux.

Meine Kräfte hatten sich nach dieser Leistung erst einmal verstärkt, ich ließ die Pullover in der Aufbewahrung und schritt zu neuen Taten. Bücher waren an der Reihe: Ich hatte mir seit Monaten Buchempfehlungen in einem kleinen Notizbüchlein vermerkt und ließ sie mir nun in der Buchhandlung zusammen stellen. Im Kaufhof hatte ich mir ein paar Stifte und Schreibhefte mit Spiralbindung besorgt. Der Rucksack war schnell voll, der Bücherbeutel baumelte mir um den Hals, in der rechten Hand noch eine Tüte mit den köstlichen Tomaten und einem Kopf Salat. nun galt es die Pullover aus der Aufbewahrung abzuholen, und dann nichts wie nach Hause. Gut, dass mein Sohn mich so nicht sehen konnte: Tragen ist mir ärztlicherseits streng verboten, und er achtet darauf, dass ich dieses Verbot auch ernst nahm.

In meinem Lieblingsbekleidungsgeschäft fragte man mich entsetzt, was mit mir los war. Mir ging es tatsächlich schlecht. Ich war erschöpft. Der Rücken schmerzte stark, und ich schämte mich für meinen Anfall von Kaufrausch! Nicht einmal ein Monat war verstrichen, und schon hatte ich mein Versprechen gebrochen.

Man bestellte mir ein Taxi. "Da ham Se aber ordentlich zugeschlagen, nich? Na, is ja auch alles so billig im Moment. aber ich brauch nix."
"Ich eigentlich auch nicht", flüstere ich schuldbewusst. Zum Glück pfiff er gerade ein Liedchen und fragt nicht nach.

Zu Hause angekommen trinke ich erst einmal drei Gläser eiskaltes Wasser, koche mir eine Tasse Tee, verschlinge die Quiche mit Lauch und Curry aus dem Bio-Laden, obwohl sie bescheiden schmeckt, schicke eine halbe Tafel Schokolade hinterher und verstaue meine Schätze. Die vier Pullover streichle und beschmuse ich, bevor ich sie in den Kleiderschrank einsortiere. Ich verspreche ihnen sie gerecht gleich oft zu tragen.

Die Bücher und Büchlein berieche ich, bevor sie ihren Platz im Bücheregal bekommen. Manche nehme ich gleich mit hoch.

Dann ziehe ich mich um, lege mich aufs Bett, trinke den Tee in langsamen kleinen Schlucken und denke noch einmal über mein Stadtabenteuer nach.

Und ich bin erleichtert. Mir geht es gut: Ich hatte doch etwas gebraucht: Ich hatte es nur nicht gewusstt oder einfach nur vergessen.

(Muss überarbeitet, vor allem gekürzt werden!!!!)

16.03.2007

Wieviel Süßes braucht der Mensch?

Unser zotteliger uralter Mischling bellt sich fast die kleine Hundeseele aus dem Leib. Das kann nur eines bedeuten: Der Briefträger hat uns Post gebracht.

Ich öffne den Briefkasten: ein großer weißer Umschlag inmitten unerwünschter Werbung fällt mir entgegen.

Absender: Herr Dr. S., unser Steuerberater.

Was tun? Am besten einen Tag liegen lassen, vielleicht kehrt sich ja dann alles noch zum Positiven, denn wie sollte von der Steuerbehörde Gutes zu erwarten sein?

Nächster Tag: Erst drum herum geschlichen mit klopfendem Herzen, dann Umschlag beherzt aufgerissen: Zahlen über Zahlen, wenig Text. Schließlich die große Entdeckung: Zahlen ohne Minus davor. Stutzig geworden. Wir bekommen etwas zurück? Herzklopfen nimmt zu.

Genau hingeschaut: "Also ergibt sich gemäß dieser Aufstellung für die Jahre 2004 und 2005 eine Nachzahlung von insgesamt ....."

Nachzahlung, juchuuuu!!! Wir bekommen eine Nachzahlung! Das ist schon lange nicht mehr passiert. Ich greife zum Hörer, um meinen lieben Mann zu informieren, da zerbröselt die schöne, viel zu kurze Illusion: NACHzahlung! NACHzahlung ist nicht RÜCKzahlung, du Dummerchen!

Wenigstens habe ich mich nicht blamiert.

Es bleibt jedoch alles beim alten, und das ohnehin schmale Rücklagenkonto wird weiter schmelzen - unaufhaltsam wie Gletscher und Polareis. Ein Jammer.

Trotzdem: Mein Herz beruhigt sich wieder, denn ich weiß, ich habe irgendwo noch eine Tafel Schokolade versteckt. Die schwindet schon innerhalb weniger Minuten und verschwindet schließlich vollständig in meinem Bauch.

Dann wird mir schlecht, und die Übelkeit lenkt mich von meinem ursprünglichen Kummer ab.

Und ich schwöre mir, nie wieder so viel Schokolade so schnell auf einmal herunter zu schlingen, wirklich nie wieder.

Ein wenig später ertappe ich mich dabei, wie ich nach der Schachtel Pralinen suche, die ich vor kurzem geschenkt bekam. Wo habe ich die bloß versteckt?!

Und, als ich sie endlich finde, schwöre ich mir, nie mehr so dumme Schwüre zu leisten, Schwüre, die ohnehin kein Mensch einhalten kann, und ich verschlinge rapp, rapp, rapp, nein, nicht die ganze Schachtel, wo denken Sie hin, ich bin doch nicht essgestört...

Die schöne große Praline aus der Mitte lasse ich für meinen lieben Mann übrig, damit ER den Steuerschock besser verdauen kann.

03.03.2007

Kreisgang

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Ich fühle mich seit ein paar Tagen schlecht, "nicht gut" wäre untertrieben, denn dieses Schlecht-Fühlen erfasst mich ganz, Leib und Seele, sogar mein Geist ist infiziert.

Es begann am Mittwoch, als ich am frühen Nachmittag nach Hause kam mit schweren Schritten und schmerzenden Gliedern. Dann bekam ich einen Schnupfenanfall, die Augen brannten, und ich konnte kaum sehen, geschweige denn lesen, Kopf und Hals taten gemein weh, die Temperatur stieg in kurzer Zeit auf mehr als 38 Grad, hoch für mich. Beängstigend.

Donnerstag, 4 Uhr: ein Ring aus schwerem Eisen drückt auf beide Augen, der Schnupfen ist wie weggezaubert, aber alle Glieder schmerzen, und Aufstehen geht nicht. Ich mag nichts essen und auch nichts trinken.

Abscheulicher Zustand, den Licht, Geräusche, und Bewegung noch verstärken. Ich sage alle meine Termine ab. Hätte ich es bloß schon am Vortag getan: diese Qual zu sprechen, diese Mühe, die immer gleichen Fragen zu beantworten und mich für die immer gleichen monotonen Besserungswünsche zu bedanken. Jedes Wort schneidet sich durch meinen Kopf und bringt die Nerven zum Pochen. Ich stelle die Telefone auf stumm.

Dann bricht auch meine Psyche ein. Am Montag noch habe ich mich mit einer Frühlingsblume verglichen: leicht und hell und froh fühlte ich mich und nun das krasse Gegenteil: schwer und krank und traurig. Alles Hoffnungsvolle ist wie weggeblasen.

Zum Glück bin ich nicht alleine mit meinem Absturz. Viele Menschen sind zur Zeit krank oder kränklich, klagen über das Wetter, haben sich einen Infekt eingefangen oder schieben alles Böse und Verletzende auf den Vollmond.

Auch heute lag ich fast den ganzen Tag danieder, will nicht sprechen, will nichts hören, kann nicht lesen, kann kaum laufen, bin gekränkt: Immer ich. Bei diesem Gedanken verstärkt sich mein Leiden und ich frage mich, den Tränen nahe: Warum nur immer ich?

Als ich jedoch merke, wie ich dabei bin, den mütterlichen Weg zu beschreiten, der doch mein halbes Leben vergiftet hat, hämmert es noch mehr im Kopf, aber diesmal aus Scham und Reue. Und ich beschließe, sofort gesund zu werden und mein Selbstmitleid über Bord zu werfen. Als erstes schalte ich die Telefone wieder ein.

Dann versuche ich es mit Meditation, aber meine Gedanken kreisen um meinen Zustand, sie wollen einfach nicht weichen. Und die Schmerzen auch nicht. Ich überlege, was ich sonst noch tun kann, um meine selbstheilenden Kräfte zu mobilisieren.

In meine Grübeleien hinein klingelt das Telefon. Britta am Apparat.

- "Wie geht es dir, Paola?"

- "Danke, gut, und dir?"

-"Schrecklich! Deshalb rufe ich dich ja an. Ich hab solches Kopfweh, mein Hals brennt höllisch und erst die Augen, schrecklich. Ich konnte heute nicht zur Arbeit. Musste mich krank melden, kannst dir ja vorstellen, wie froh der Boss war! Allein in unserer Abteilung fehlen vier Leute. Mir egal. Soll er doch selbst mal was tun!"

- "Ach, du Arme, und was kann ich für dich tun?"

- "Oh, mhm, ist mir ja eigentlich etwas peinlich, dich zu bitten, aber kannst du mal schnell zur Apotheke fahren und mir was gegen die Halsschmerzen besorgen? Ich habe das Gefühl, die bringen mich noch um."

Ich unterdrücke ein Seufzen, aber als ich mich zur Apotheke aufmache, ungepflegt und ungewaschen, mit strähnigem Haar, beinahe blind am Steuer, schwach und die aufkommende Übelkeit bekämpfend, schimpfe ich - mal wieder - auf mein falsches Heldentum.

Und:

Warum bin ich eigentlich ans Telephon gegangen?

26.01.2007

Kindergeschichte

Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Daniel, und er hatte es gut in seinem Leben. Er wurde geboren in eine Familie, die noch keine Familie war, aber in der ihn alle liebten: Seine Eltern, die ihn in Liebe gezeugt hatten, seine Brüder Jan und Nik, die seine Entwicklung im Bauch der Mutter per Ultraschall von Anfang an miterlebt hatten. Sie hatten ihm sogar seinen Namen gegeben, als sie sahen, dass es ein Junge war. Seine beiden Großmütter, die endlich wieder eine neue Aufgabe hatten, dazu Tanten, Onkel, Neffen, Nichten - die familiäre Liste war lang und die der Freunde auch. Zwei Freundinnen hatten sich sogar gestritten, wer im Kreißsaal dabei sein durfte, wenn er das Licht der Welt erblicken würde.

Daniel oder Danny, wie seine großen Brüder ihn nannten, war ein unproblematisches kleines Kerlchen. Er schlief gut, er war geduldig beim Stillen, er schaute sehr aufmerksam aus seinen großen Augen, und sobald Lächeln im Entwicklungsplan dran war, begann er zu lächeln und entzückte damit jeden, dem er seine Gunst schenkte.

Er ließ sich besonders gern von seinen großen Brüdern in den Schlaf wiegen.

Seine Familie und auch die Freunde stellten sich viele Fragen:
Würde er so klug werden wie sein Vater und auch dessen Locken erben? Sah er nicht überhaupt dem Papa ähnlich? Würde er später einmal genauso befreundet sein mit seinen großen Brüdern wie diese es untereinander waren? Würde er vielleicht einem von ihnen ähnlich werden? Würde er weiter gesund bleiben, und würde seine Entwicklung zu diesem sonnigen und unkomplizierten friedlichen Wesen sich fortsetzen?

Sein Vater sprach schon englische, französische, italienische und spanische Wörter und Sätze zu ihm in der Meinung: Je früher desto besser! - und er schaute sich natürlich in der Buchhandlung die Mathematikbücher für Kinder an. Am wichtigsten war es ihm aber, dem Kind im Wald die Natur zu erklären, so wie sein Vater es bei ihm gemacht hatte, sobald er hatte laufen, sprechen und verstehen können.

Zunächst einmal verwandelte der kleine Danny seine Eltern - überzeugte Heiratsgegner nach ihren gescheiterten ersten Ehen - in überzeugte Ehebefürworter. Der Mutter passierte es peinlicherweise, dreimal "ja" zu sagen, als ihr späterer Ehemann sie schließlich und endlich um ihre Hand bat. Und das tat er - besonders romantisch - unter dem mickrigen Tischweihnachtsbaum.

Sie heirateten am 15. Januar. Zur Hochzeit kamen die Brüder Jan (15) und Nik (11) auf ihren Skateboards. Wie auch sonst? Das Standesamt lag in der Straße, in der sie auch wohnten, und die Straße war wunderbar abschüssig. Dass Nik gefallen war und einen Riss in Höhe des Knies hatte, darüber sah die Hochzeitsgesellschaft großzügig hinweg. Der Standesbeamte konnte ein Schmunzeln kaum verbergen, als er die ordentlich abgestellten Skateboards sah.
Da die Mutter an Weihnachten schon geübt hatte, willigte sie diesmal nur einmal in den Bund des Lebens ein, dafür bekam sie aber einen Schreibkrampf, als sie unterschreiben sollte. Dieser dauerte fünf Minuten.

Die Taufe fand am 20. Januar statt, und sie toppte die Hochzeit fast noch, so schön und fröhlich und rührend war die Stimmung. Es war allerdings recht kalt, und die eingeladene Gesellschaft war beträchtlich größer. Hatte die Hochzeitsfeier auf einer Burg stattgefunden, so wurde die Taufe gar in einem Schlösschen zelebriert. Allen ging es gut. Alle bewunderten und lobten das schöne Kind und dessen rasche Entwicklung. Und natürlich stellte die Familie des Vaters eine frappierende Ähnlichkeit des kleinen Danny mit dem Papa fest.

Dieser war dann beruflich ein paar Tage unterwegs, und in der kleinen Familie stellte sich langsam der Alltag wieder ein. Die Frau hatte das Gefühl, seit Weihnachten ununterbrochen gefeiert zu haben. Auch für die Großen war es wichtig, dass sie wieder ungehindert ihren schulischen Pflichten nachgehen konnten, denn Hochzeit und Taufe hatten ihnen zusätzliche freie Tage beschert, was sie sehr genossen.

Am 29. Januar kam der Papa zurück. Endlich! Er hatte allen drei Kindern etwas mitgebracht. Den beiden Großen Bücher und dem Kleinen ein knallrotes Quietscheentchen, um ihn beim Baden abzulenken, das ihm seltsamerweise nicht gefiel und sogar zum Weinen brachte. Sie badeten Danny zu zweit, und das Quietscheentchen lockte sogar ein Lächeln in das feine Gesichtchen des Kindes. Und ein zweiter Fortschritt machte die Eltern stolz: In seinem Bärenschlafanzug und auf den Bauch gelegt, versuchte der Kleine zu krabbeln, was ihm auch gelang!

Am 30. Januar, um fünf Uhr in der Früh, wachte die Mutter auf. Irgendetwas kam ihr seltsam vor. Danny meldete sich immer um diese Zeit, um gestillt zu werden. Man konnte die Uhr danach stellen. Erst dachte sie, wie schön, denn ihr Mann hatte an dem Tag erst später zu tun, dann stand sie doch auf, beunruhigt. Sie ging zu Dannys Bettchen. Da lag er ganz friedlich, auf dem Bauch. Sie nahm ihn hoch und drückte ihn an sich. Sie hörte einen kleinen Seufzer und war erleichtert, wunderte sich aber, dass das Kind so schwer an ihr herunter hing. - "Danny, mein kleiner Liebling, mein Zauberkind, wach auf. Du musst doch Hunger haben." - Aber das Kind regte sich nicht.

Da schrie sie nach ihrem Mann, und alle kamen herbei gelaufen. Er nahm das Kind, und sie legte sich die Hände über die Augen. Sie wollte die Wahrheit nicht wissen. Sie fühlte, dass Nik sie streichelte, während Jan bei ihrem Mann war. Sie versuchten den Kleinen wiederzubeleben. "Es ist zu spät", hörte sie die Stimme ihres Mannes, ganz leise, ganz weit weg und doch stechend wie tausend Nadeln. "Daniel ist tot." Dann rief er den Notarzt an.

09.01.2007

temperaturen

zu viel wärme

die kühle des winters - fehlend

trotzdem frierend

sehnsucht nach wärme die passt

08.01.2007

Wie ein Fisch im Paradies

Eine Freundin träumt davon ein Fisch zu sein.
Warum? Ich denke da direkt an kaltes Gewässer, Frieren und Gefressenwerden. In irgendeines anderen Fisches Bauch zu verschwinden - durch sein offenes Fischmaul. Mich fröstelt: eine schreckliche Vorstellung.
In ihrer Fantasie aber sieht sie sich ganz anders: Das Wasser wäre warm, denn natürlich schwimmt sie in tropischen Gewässern. Sie versteckt sich bei Gefahr in einem Korallenriff, ihr fließt die Nahrung direkt ins Maul, sie muss sich also nicht einmal bei der Nahrungssuche anstrengen, und das Wichtigste von allem: sie fühlt sich leicht, sie schwebt förmlich, wenn sie durchs Wasser gleitet.
"Und ich brauchte nicht auf das Paradies nach meinem Tod zu warten, ein Paradies, das ja ohnehin nicht existiert", meint sie. "Ich befände mich den ganzen Tag und die ganze Nacht in meinem Paradies im Wasser, hier und jetzt."
"Aber wie ist es mit den Gefühlen? Man sagt doch immer von einem harten und berechnenden, gefühllosen Menschen: "Der ist kalt wie ein Fisch!"
"Da verwechselst du aber etwas", wehrt sie ab. "Bei diesem Vergleich geht es doch nur um die Körpertemperatur. Du weißt doch, dass Fische im Gegensatz zu Menschen Kaltblüter sind. Andererseits, wenn man in einem warmen Gewässer zu Hause ist, relativiert sich das ja wohl. Der Fisch passt die Körpertemperatur doch irgendwie seiner Umgebung an, ist es nicht so?"
Ich murmele irgend etwas von "in Biologie schlecht aufgepasst." Sie bleibt ohnehin bei ihrem Wunsch, begeistert sich gar immer mehr:
"Denk doch mal an all die herrlichen Farben und Formen, die du ständig vor Augen hast, das Licht, wenn du dicht an die Oberfläche schwimmst. Denk an die Stille, die dich umgibt und an die Freiheit. Du kannst dich bewegen, wo immer du willst. Es gibt keine Straßen mit Vorfahrtsregeln, keine Häuser, die dir im Weg stehen ...". Ihre Augen leuchten, sie scheint nicht mehr auf ihrem Stuhl in meiner unaufgeräumten Küche zu sitzen, ihr Blick geht ins Weite ...
"Nun", versuche ich zaghaft einzuwenden, "und wie ist es mit dem Glück? Fische können ja wohl schlecht so etwas wie Glück empfinden, zum Beispiel in der Liebe."
"Das mag ja sein, obwohl - die Wissenschaftler wissen offensichtlich noch kaum etwas über das Gefühlsleben von Meeresbewohnern".
Sie gibt sich einen Ruck und schaut mir voll ins Gesicht. Dann meint sie lächelnd:
"Fische können jedenfalls auch keinen Kummer empfinden, oder hast du schon einmal einen Fisch weinen sehen?"
Dass dies ein großer Vorteil sein kann, kann selbst ich nicht bestreiten, jedenfalls nicht zur Zeit, denn ich bin gerade mal wieder verlassen worden und weine mir immer noch die Augen nach "ihm" aus.
"Da hast du Recht", stimme ich ihr zu. "Das Leben eines Fisches im exotischen Gewässer muss paradiesisch sein."
Die Freundin strahlt mich dankbar an. Dann trübt sich ihr Blick.
"Ich muss nun leider nach Hause. Mein Mann wartet sicher schon."

26.11.2006

Der Abschied vom heißen Sommer

Ich sitze gebeugt über einem Stapel von Prüfungsarbeiten, lustlos, freudlos, jammervoll, sauer auf mich selbst. "Warum habe ich nicht .... ?"
Das Telefon klingelt. Ich überhöre es.
Das Handy klingelt. Ich überhöre es.
Beide klingeln gleichzeitig. Ich nehme ab. Sylvia ist dran, voller Tatendrang.
- "Kann ich vorbeikommen? Einer meiner Schüler, der Langweiler Dr. G., hat abgesagt, ich bin frei für diesen Nachmittag, frei!
- "Ich aber nicht. Ich muss bis morgen früh noch mindestens vierzig Arbeiten korrigieren, werde wohl eine Nachtschicht einlegen müssen. ich hasse es, hasse es, hasse es. Ich hasse meinen Beruf."
- "Nun mal langsam", meint Sylvia beruhigend. "so schlimm wirds schon nicht sein. Warum sagst du deinen Studenten nicht einfach, dass dus nicht geschafft hast? Sie können doch gut noch ein paar Tage warten."
- "Nein", rufe ich verzweifelt. "Ich hätte schon gestern fertig sein müssen, eigentlich schon vorgestern. Aber ich hatte so viel anderes um die Ohren."
- "Damit meinst du nicht etwa Jean Pierre?"
- "Sylvie ... Nennst du das Freundschaft?"
- "Ach, sei nicht so empfindlich. Mir passiert das doch auch! Trotzdem. Gut, ich lasse dich jetzt in Frieden.”
Ich seufze niedergeschlagen und mache mich wieder an die Fronarbeit.
Aber nun ist auch das letzte Fünkchen meiner Motivation erloschen. Und was ist das? Ist da nicht ein Kratzen im Hals? Ich fühle meine Stirn: sie ist eindeutig zu warm, nicht sogar heiß?

Es klingelt. Jean Pierre steht vor der Tür. Er hat Hunger.
- "Hast du was Gutes gekocht, Chérie?"
- "Nein, du weißt doch, die Klausuren! Und nun bekomme ich auch noch die Grippe!"
- "Wirklich? Du siehst eigentlich ganz gesund aus, petite. Aber was tut dir denn weh?"
- "Der Hals", jammere ich, "mir ist auch ganz heiß, ich weiß gar nicht, wie ich das alles noch schaffen soll bis morgen!"
- "Gegen Grippe hilft nur Hühnersuppe", meint mein besorgter Liebling.
- "Hühnersuppe?", frage ich ohne jede Begeisterung , ich ekle mich geradezu vor Hühnersuppe, vor allem vor Hühnersuppe, auf der wohlmöglich noch dicke Fettaugen schwimmen.
Jean Pierre schaut im Küchenschrank nach und findet tatsächlich eine Tüte "Hühnersuppe mit Nudeln".
- "So schlimm ist es nun auch noch nicht mit meiner Grippe, und außerdem ist das Haltbarkeitsdatum überschritten", spiele ich meinen letzten Trumph aus.
- "Beh, um einen Monat, c'est ridicule! Zum Lachen! Écoute, du isst die Suppe, und dann lassen wir uns noch etwas vom Chinesen oder vom Italiener bringen. Wir bleiben natürlich heute zu Hause, und du legst dich jetzt ins Bett."
- "Und meine Klausuren? Übermorgen ist die Prüfungskonferenz. Sie brauchen die Noten! Mein Chef macht mich alle!"
- "Ab mit dir ins Bett. In dem Zustand kannst du unmöglich korrigieren. Ich mache jetzt die Suppe und denke nach. Was will Madame sonst noch? Chinesisch oder Italienisch? Pizza, Nudel, Ente à l'Orange?"
- "Pizza Marguerita und einen gemischten Salat, bitte."
- "Wird erledigt, Chérie, aber nur wenn du lieb im Bett bleibst.
Ich bin fast eingeschlafen, als J.P. mit der Hühnersuppe kommt. Der Geruch ist mir widerlich, ich esse nun mal kein Fleisch. Aber J.P. ist gnadenlos. "Ohne Suppe gibt es keine Pizza, und meine gute Idee für die Klausuren erfährst du auch nicht."
Ich seufze, beeile mich Löffel für Löffel runterzuschlucken, belohnt von Jean Pierres Küssen, die er gerecht auf meinem Körper verteilt. Wir vergessen die Suppe, die Klausuren, als er mich langsam auszieht. Ich folge seinem Beispiel, und plötzlich sind wir nur noch zu zweit. Wie so oft in den letzten Wochen bin ich hingerissen von seiner Hingabe und angesteckt von seiner Verantwortungslosigkeit. J.P. lebt in den Tag hinein, er tut, was er will und wann er es will. Deshalb habe ich keine Wahl, ich muss die Zeit mit ihm auskosten, so wie er sie mir bietet. Tief innen und ganz weit hinten in meinem verzauberten Gehirn ist mir klar, dass die Zeit mit ihm nicht ewig währen wird. Er beugt sein Gesicht über das meine und bedeckt es erneut mit Küssen. Ich bin nur noch Gefühl.

Da klingelt es an der Haustür, es ist der Pizzadienst.
"Geh du bitte, Liebling", flüstert er mir ins Ohr, "du bist nackt hübscher als ich."
In der Eile finde ich nur den dicken Bademantel, den ich mir überwerfe, mir ist das peinlich, und ich bin sicher, dass man mir ansieht, was ich gerade so mache. Ein junger Mann mit pottschwarzen Haaren und Rauschebart steht in der Tür.
- "Sie habe Pizza bestellt, Frau?"
- "Ja, Moment. Stellen sie alles auf den Tisch hier! Ich hole Geld.
Er kann den 100-Euro-Schein nicht wechseln, und ich rufe Jean Pierre, der schließlich nur mit einem Handtuch um die Hüften in die Küche kommt, um Pizza und Salate zu bezahlen. Plötzlich wird mir ganz heiß, denn ich erkenne in dem Pizzaman den Bruder eines meiner Studenten aus Marokko. Er hatte mich natürlich längst erkannt, aber wegen meiner unpassenden Kleidung geschwiegen.
- "Es tut mir Leid", sage ich für alle Fälle und auf jeden Fall zu spät. "Ich bin krank." Mohammed wirft einen vielsagenden Blick auf Jean Pierres Handtuch, das gefährlich locker sitzt und meint nur "Danke!" Ich habe ihm - aus Versehen? - zehn Euro Trinkgeld gegeben.

Wir sind wieder allein, aber meine stürmischen Gefühle sind vorerst dahin, während sie sich bei J.P. eher noch steigern. Ich wehre seine verlangenden Lippen ab.
- "Ich habe Hunger!" meint ich. "Es wird ja alles kalt.“

Nach dem Essen erzähle ich ihm von meinen Befürchtungen wegen Mohammed. Ich werde von den Studenten sehr respektiert. Das kann sich aber schnell ändern, wenn Gerüchte über meinen lockeren Lebenswandel in Umlauf kommen.
Jean Pierre misst der Sache keine Bedeutung bei, was mich keineswegs beruhigt. Nicht er würde ja schließlich die Konsequenzen tragen müssen.
- "Und was hast du dir für meine Klausuren überlegt?" frage ich ganz kleinlaut.
- "Nun, du meldest dich morgen für drei Tage krank. Du sagst, du rufst später an, wenn deine Kopfschmerzen weg sind, und sagst die Noten. Ja, und dann liest du alle Arbeiten durch und gibst so "Ungefähr"-Noten, am besten keine ganz schlechten, ja und dann machst du die Arbeit richtig gut, wenn du die Tage "krank" zu Hause bist. Was meinst du?"
Ich habe keine große Wahl, trotzdem bin ich nicht überzeugt.
- "Aber es gibt einen Zweitkorrektor! Und wenn der was merkt?"
- "Wer ist das denn?"
- " Michael Mausenhuber!"
- "Den Faulpelz nimmst du ernst? Der liest die Klausuren doch nie und gar nicht!"

Am nächsten Tag melde ich mich krank und werde leider wirklich krank. Die Erkältung bricht voll aus, und ich muss jeden Tag Hühnersuppe aus der Tüte essen, bis auf Sonntag, da kocht Jean Pierre zur Feier des Tages ein echtes Huhn mit Gemüse und Reis, und auch diese Suppe schlucke ich tapfer. Dafür verwöhnt er mich nach Leibeskräften, und so schaffe ich es tatsächlich, nach dem Wochenende die Klausuren perfekt und mit schönen sauberen Korrekturzeichen meinem Kollegen M M zu übergeben, der sie sofort mit seinem teuren MontBlancFüller unterschreibt, ohne auch nur eine einzige davon gelesen zu haben. Der geborene Chef: seine Unterschriften sind eindrucksvoll.
- "Ich vertraue dir!" meint er großzügig.

Ich nehme mir wieder einmal vor, mich niemals, niemals mehr in eine solche Situation zu bringen und lege am nächsten Abend den dicken Stapel frisch geschriebener Klausuren deutlich sichtbar auf den Wohnzimmertisch. Ich setze mich an diesen Tisch und lese die erste durch, den roten Stift einsatzbereit gezückt. Dabei muss ich an die heutige Stunde im Medizinerkurs denken. Haben nicht einige Studenten seltsam wissend gelächelt, als ich ihnen über meine Grippe berichtete?

Es klingelt an der Haustür: Jean Pierre. Er umarmt mich und führt mich unter Küssen ins Wohnzimmer.
"Du willst doch heute Abend nicht arbeiten?" fragt er entsetzt, und ich räume die Klausuren samt Rotstift schicksalsergeben aus dem Sichtfeld.
Und außerdem: so ganz gesund fühle ich mich noch immer nicht. "Ich brauche tatsächlich noch ein bisschen Schonung,“ denke ich, als er mich vorsichtig ins Schlafzimmer trägt.

23.10.2006

Nicht nur im Karneval: der Eiermann

Er kommt zweimal im Monat, und er kommt sehr früh: der Eiermann.

Montags um halb acht spätestens tönt die Klingel. Das Geld habe ich schon am Vorabend zusammengesucht und unten auf der Fensterbank deponiert: 5,40 Euro für 30 Eier.

Was um Himmels willen macht man zu Zeiten der Geflügelpest mit 15 Eiern in der Woche, wenn man zudem nur zu zweit lebt und selbst überhaupt keine Eier isst, von einer Gabel Rührei mit Tomaten oder Champignons einmal abgesehen?

"Würden nicht zwanzig Eier ausreichen oder zehn?" fragt mein Mitbewohner H. skeptisch und deutet auf die Eierkartons, die sich im Keller stapeln. Gerade sind es etwa 6 große Platten, nebst Eiern natürlich, mit mehr oder weniger großen Verbrauchslücken, die ordentlich übereinander gestapelt ihrer Vernichtung harren.

Ich bringe es nicht übers Herz, die beiden Bauersleute zu enttäuschen. Auf meine Frage hin gab der Eiermann zu, dass der Bedarf der Menschen an Eiern - und selbst an ihren Prachtexemplaren von garantiert frei laufenden Hühnern - stark eingebrochen ist nach den neuesten Skandalen. Und er blickte mich dabei so traurig an, dass ich es wieder nicht übers Herz brachte, die Bestellmenge zu reduzieren.

Ja, sie sind zu zweit und kommen bei Wind und Wetter aus der Eifel. Manchmal kommt auch die Eierfrau, die immer froh ist, bei uns im Treppenhaus ein wenig Wärme tanken zu können. Aber immer nur so lange, bis sich unser Hund voller Empörung über den fremden Eindringling bemerkbar macht. Dann ist sie schnell wieder draußen in der Kälte, steckt das abgezählte Geld ohne Kontrolle in die Parkatasche und verschwindet rasch in Richtung Auto.

Dabei muss unser kleines altes Hundeweibchen doch höllisch aufpassen, dass sie trotz ihrer beiden Bandscheibenvorfälle und anderer Gebrechen mit ihren 15 Jahren noch heil die Treppe herunter kommt. Sie würde ohnehin nur in die Wade zwicken, aber auch das wertet nicht jeder Besucher als Willkommensgruß, vor allem der Postbote verhält sich da recht eigen. Wir haben ihn schon zweimal mit dem Inhalt der Champagnerkistchen bestechen müssen, die er uns gerade geliefert hatte. Danach schien er es geradezu darauf anzulegen unserem kleinen Liebling zu begegnen.

Aber zurück zu unseren Eiersleuten: Morgen werden sie wieder kommen und klingeln, und es wurde auch Zeit. Zum ersten Mal seit einem Jahr haben wir alle Eier verbraucht und mussten sogar fremd nachkaufen, was H. natürlich sofort heraus schmeckte.

Nachtrag:

Am nächsten Morgen, also heute, kam einmal wieder die EierFRAU. Sie kam mit einer Stunde Verspätung wegen eines Staus, und sie sah sehr traurig aus: Ihr Mann war am Sonntag mit Verdacht auf einen Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Sie wollte - wie gewohnt - die Palette mit den dreißig Eiern auf der Treppe abstellen, da hörte sie oben den Hund knurren, und die Pappe mitsamt Inhalt rutschte ihr aus der Hand. Nicht viele Eier blieben heil. Sie holte mir eine neue Palette und wollte mir helfen, die ekelhafte glibberige Masse zu beseitigen, als ein Hupkonzert auf der Straße losbrach. Sie hatte so geparkt, dass niemand an ihr vorbei konnte.

Wie hätten Sie gehandelt? Ich sagte - und es war eine dicke Lüge, denn ich hasse es, die Rückstände zerschlagener Eier zu beseitigen - aber ich hörte mich tatsächlich sagen: "Ach, das macht doch nichts. Ich habe Zeit, ich mache das schon alleine," und drückte ihr die 5 Euro 40 in die Hand, woraufhin sie dankbar verschwand.

Ich war eine lange Weile beschäftigt. Und da ich schon einmal dabei war, ging ich nun auch daran, die alten Eier, die sich im Keller stapelten, Palette für Palette und Ei für Ei mit aller Vorsicht zu beseitigen, wohl darauf achtend, dass keines zerbrach, denn es hätte ein babylonisches Alter erreicht haben können.

Fazit: Eigentlich wollte ich heute einen Kuchen backen. aber ich kann zumindest heute keine aufgeschlagenen Eier mehr sehen und habe lieber den Besuch für morgen unter einem fadenbscheinigen Grund wieder ausgeladen.

09.10.2006

Sperrmüll

Sperrmüll „Wir warten bis zum nächsten Sperrmüll,“ knurrte er mürrisch, „heute habe ich keine Lust.“

„Keine Lust, keine Lust, was meinst du, wozu ich alles keine Lust habe , “ tönte es zornig aus der Küche. Seit zehn Jahren hast du keine Lust, den Keller aufzuräumen, seit zehn Jahren, ich halte es nicht mehr aus. Ihre Stimme wurde immer schriller.

Er hielt sich die Ohren zu. „Wir könnten so glücklich leben, wenn ich taub wäre“, seufzte er pathetisch, schaltete auf das Zweite und stellte den Fernseher lauter. Augenblicklich verschwand sein gequälter Gesichtsausdruck. Das Spiel hatte begonnen. Er hörte sie zwar noch in der Küche rumorend vor sich hinschimpfen, aber das störte ihn nicht weiter. Es war ein ungeschriebenes Gesetz, ihn nicht anzusprechen, wenn er Sportsendungen schaute. Und seit er keine Arbeit mehr hatte, schaute er fast nur noch Sport, den ganzen Tag und oft bis in die Nacht. Und dabei wurde ihm nie langweilig, was ihm manchmal selbst eigenartig vorkam.

Aber heute verlor er nach einer Weile die Lust, das Spiel war langweilig und verlief zudem hoffnungslos ungünstig für seine Mannschaft. Ein paar Minuten vor Schluss schaltete er verdrossen das Gerät aus, nachdem er eine Weile erfolglos herumgezappt hatte. Er stand auf und verließ den Raum, ohne zu wissen, womit er sich die Zeit vertreiben sollte. Bloß keine Diskussionen mehr! Als er an der Küchentür vorbei schlich, sah er durch einen schmalen Spalt das verweinte Gesicht seiner Frau, die sich über einen Gegenstand beugte, den er nicht erkennen konnte.

Er ging durch den Korridor zu einer Tür, durch die man vom Haus aus die Garage betreten konnte. Dann überlegte er es sich anders, drehte sich um und öffnete die Tür, die in den Keller führte. Er drückte auf den Lichtschalter und schlurfte die Treppe hinunter. Es roch muffig und feucht, die Glühbirne beleuchtete den Flur nur spärlich. Er tastete sich an Waschküche und Fahrradkeller vorbei zum Abstellraum. Man hätte ihn auch Müllraum nennen können, denn das, was sich hier angesammelt hatte, schien kaum mehr einen Zweck erfüllen zu können, das wusste er. Trotzdem fiel es ihm irgendwie schwer sich von den Dingen zu trennen.

Er drückte auf den Lichtschalter, das trübe Licht schwankte, dann zischte es, und der Raum war wieder finster. „Mist“ , murmelte er. Was sollte er nun tun? Die Birne um diese Tageszeit auszuwechseln, bedeutete eine Riesenprozedur.

Er ging zum Fahradkeller, in dem auch einiges Gerümpel aufbewahrt war, und fand eine uralte verstaubte Schreibtischlampe, die er mit der einzigen Steckdose in dem düsteren Abstellraum verband. Ihr Schein beleuchtete wie zufällig einen alten verstaubten Pappkoffer. Mit halsbrecherischen Kletterübungen gelang es ihm schließlich, den Koffer zu sich zu hangeln, aber die alten Schlösser ließen sich nicht öffnen. Sein Gesicht verkrampfte sich wegen dieser ungewohnten Anstrengung, auch hasste er es, wenn sich etwas ihm gegenüber verschloss. So schaffte er Zangen und Schraubenzieher, sogar einen Hammer herbei, und schließlich gelang es ihm den Koffer zu öffnen. Sein triumphierender Blick verwandelte sich in Enttäuschung: Briefe. Briefe mit rosa und roten Schleifchen „versiegelt“, und Fotos. Er traute seinen Augen nicht: Nacktfotos seiner Frau in höchst erotischen Posen. Und bei ihm tat sie immer so prüde, er musste regelrecht um ein bisschen Zärtlichkeit betteln und konnte schon von Glück sprechen, wenn sie sich ihm einmal im Monat hingab, wobei „Hingabe“ kaum das passende Wort war, wenn er sich ihren gequälten Gesichtsausdruck in diesen für ihn so kostbaren Momenten vor Augen stellte, und ihren freudigen danach, wenn sie sich mal wieder einen Monat Ruhe vor ihm versprach.

Er betrachtete die Briefumschläge: Die Schrift kannte er nicht. Interessant: Sämtliche Briefmarken waren in den Jahren 97 und 98 abgestempelt. Da waren sie nämlich schon zusammen, wenn auch noch nicht vom Staat als Eheleute ausgewiesen und von der Kirche gesegnet. Er öffnete einen Brief, nicht ohne ein leichtes Unbehagen, denn das Eindringen in die Geheimnisse anderer war ihm unangenehm, und er konnte sich nicht daran erinnern, jemals einen nicht für ihn bestimmten Brief heimlich geöffnet zu haben. Es waren Liebesbriefe, was sonst? „Geliebte Laura, mein Zuckerschnäuzchen,“ er überflog die Zeilen „.... niemals hielt ich eine so zärtliche und wilde Geliebte in meinen Armen , ..... kaum erwarten, dich deiner Kleider Stück für Stück zu berauben, bis ich deinen süßen Leib berühren und jeden Millimeter mit Küssen bedecken kann“ usw. „Für immer dein Lancelot“ „Ach, so ist sie gestrickt, das liebt sie. Lancelot,“ spöttisch zog er die Mundwinkel herunter und ließ das Wort Silbe für Silbe auf der Zunge zerfließen.

Plötzlich hörte er oben ein Geräusch und rief in die Dunkelheit hinein: „Bist du es, Laura?“
- „Wer denn sonst? Was machst du da unten?“
- „Ich komme gleich, ich suche Sachen für den Sperrmüll.“
-„Warte, ich helfe dir. Ich hole mir nur meine warme Jacke.“
- „Nicht nötig!“ rief er, aber er wusste, sie würde gleich unten sein. Hastig schob er den Koffer mit dem Fuß unter eine staubige Abdeckplane. Dabei suchte er in dem spärlichen Licht nach einer großen Tüte, rannte zur winzigen Kammer, in der sie ihre Reisekoffer lagerten, und stopfte die Briefe hinein. Als er den Koffer schließen wollte, verletzte er sich am Knöchel des rechten Mittelfingers.

- „Aber du blutest ja. Was hast du gemacht?“ - Er erschrak, als sie plötzlich hinter ihm stand.
- „Ach, es ist nichts.“ Er war gereizt.
- „Was willst du denn mit dem Koffer? Auf Dienstreise gehen? “, fragte sie in spöttischem Ton. Aber sie schien ihre Dummheit gleich zu bereuen, denn sie streichelte ihm zärtlich den Arm.
„Ich hole Pflaster,“ meinte sie mit entschuldigender Stimme.
So war sie immer. Sie konnte sehr lieb und mitfühlend sein, aber sie war ebenso launisch und unberechenbar.
Er brachte den Koffer zurück in die Kammer und lief zurück in den Kellerraum.

Was konnte man wegwerfen, ohne gleich den gesamten Raum ausräumen zu müssen? Seit er Zeuge ihres Betrugs an ihm geworden war, hatte ihn die Lust, etwas ihr zuliebe zu verändern, wieder verlassen. Auch wenn die Geschichte wohl seit langem beendet war, hatte es ihm einen Stich versetzt. Er wunderte sich darüber, denn wie alles andere war ihm auch seine Ehe ziemlich gleichgültig geworden. Wo blieb sie nur? Das Blut tropfte auf seine helle neue Hose. Er ärgerte sich. „Entschuldige, Liebling“, rief sie schon von oben. Ich musste das Verbandszeug aus dem Auto holen. „Nun mach schon“, rief er ungeduldig, meine Hose ist schon ganz beschmiert.“
Sie umklebte seinen Finger mit einem großen Pflaster.
„Wollen wir wirklich den Keller ausräumen?“
- „Warum nicht gleich das ganze Haus?“, fragte er mürrisch. „Für heute reicht es, wenn wir die kaputten Regale hier wegwerfen und den Kleinkram in der Garage.“

Wenn sie jetzt wieder anfing zu zetern, würde er heute gar nichts mehr machen, aber sie schwieg, als hätte sie seine Gedanken gelesen.
Zu zweit trugen sie fünf abgestoßene Billy-Regale nach oben und stellten sie auf die Straße. Die Regalbretter brachten sie gesondert nach oben und holten dann die paar Sachen aus der Garage: kaputte Blumentöpfe, alte Gartengeräte und ein völlig verrostetes Fahrrad ohne Reifen. Sie arbeiteten beinahe wortlos.
Als sie fertig waren und wieder ins Haus gingen, drückte sie plötzlich sanft seinen Arm und sagte leise „danke“.
- „Ich dusche mal“, antwortete er.

Sie ging wie immer früh zu Bett, denn sie musste am nächsten Morgen zeitig aufstehen. Er versuchte noch etwas zu lesen, konnte sich aber nicht konzentrieren; lustlos zappte er sich durch die Fernsehprogramme. Nach einer Weile gab er auf, duschte und zog den Pyjama an. Er schlüpfte unter die Decke und schmiegte sich behutsam an sie. Er fühlte, dass sie noch nicht schlief, streichelte sanft über ihr Haar, drehte sich um und sagte leise: “Gute Nacht, Laura.“
- „Gute Nacht, Liebling, schlaf gut.“

Am nächsten Morgen, als sie das Haus verlassen hatte, um zur Arbeit zu fahren, zog er sich rasch an und holte den Koffer mit den Briefen aus dem Keller. Er zerriss die Briefe in kleine Schnipsel, die Fotos legte er beiseite. Als er das Fahrzeug hörte, stellte er den Koffer neben die Regale und sah zu, wie alles von der Walze zermalmt wurde und im Bauch des Autos verschwand. Die Fotos versteckte er im Innenfach seiner Sporttasche. Dann studierte er die Jobanzeigen.

22.09.2006

Spätsommer

Vor ein paar Tagen stürzte ich mich zum ersten Mal wieder ins Leben. Nach einem Infekt, der wochenlange Bettlägerigkeit erforderte, freute ich mich auf die Busfahrt, die Zugfahrt, die paar Schritte zum Arzt und darauf, wieder einmal etwas alleine zu schaffen, und ich würde es schaffen. Im kleinen Einkaufsviertel dort mit seinen Traditionsgeschäften würde ich ein wenig herumschlendern, den neuen Krimi von Elizabeth George besorgen und im Bioladen etwas Obst und ein paar Rosinenweckchen für unterwegs kaufen. Ich freute mich.

Als ich an der Bushaltestelle wartete, die nur ein paar Schritte vom Haus entfernt ist, genoss ich die wärmenden Sonnenstrahlen. Die Häuser gegenüber waren liebevoll gepflegt mit ihren offenen Vorgärten. Kein Gartenzaun störte das Bild. Die Bewohner hatten kleine Nadelbäume gepflanzt, die Rasenflächen erinnern mich an England. In meiner Versunkenheit hatte ich den Bus gar nicht kommen hören. Der Fahrer senkte den Einstieg, so dass ich bequem hinein konnte. Jemand überließ mir den Platz direkt an der Tür, perfekt!

Der Fahrer steuerte seinen Bus recht schnell durch die Kurven den Berg hinab. An manchen Stellen ist die Straße nur von saftigem Wald umgeben, dessen Bäume sich aus allen Schattierungen von Grün zusammen setzen. Eine schöne Fahrt, nur etwas unbequem auf der holprigen Straße. Meine blauen Gehstöcke klapperten gegen das Fenster.

Hinter dem Bahnhof stieg ich aus und freute mich: der Aufzug war nicht defekt. wie so oft. Da ich den ersten Bus verpasst hatte, konnte ich nicht mit der Bundesbahn fahren und musste also den weiten Weg zur U-Bahn zurücklegen. Aber auch hier überkam mich Freude: Die Rolltreppen funktionierten. Und da fuhr auch schon die Bahn ein, ich würde doch noch pünktlich ankommen. Zuspätkommen ist mir verhasst, auch wenn ich es meist nicht selbst verusache.

Geduldig wartete ich darauf, dass die Fahrgäste ausstiegen. Da tat sich an der Tür daneben eine Lücke auf, und ich stieg dort ein. Plötzlich spürte ich am Rücken einen leichten Stoß und eine tiefe heisere Frauenstimme beschimpfte mich: "Blöde Kuh! Kannste nich vorher wissen wo de einsteigst?"

- "Tut mir leid", murmelte ich, als ich in ihr junges hartes Gesicht sah, das von Alkohol- und Drogenmissbrauch gezeichnet war. Als ich ihren kräftigen Begleiter, der einen Dobermann an der Leine führte, erblickte, blieb mir ohnehin jeder Protest im Hals stecken. Das Tier trug keinen Maulkorb.

Ich setzte mich in Türnähe einer schmalen älteren Frau gegenüber. Das Dreiergespann ließ sich einen Sitzblock weiter nieder. Die Frau schimpfte unablässig mit ihrer lauten rostigen Stimme auf mich ein, der junge Mann, dessen Arme und Brust bis unter das weißliche ärmellose Unterhemd vollständig tätowiert waren, kommentierte leise ihr Geschrei und lachte über ihre Worte: "Da kuckste, was, du dumme Alte, früher hätte man so was wie dich gar nicht frei rumlaufen lassen." Sie schaute mich voller Hass an, bis ich ans Fenster rutschte, der schmalen Frau nun direkt gegenüber saß.

Sie hatte den Kopf leicht gesenkt und flüsterte: "Gar nicht reagieren! Mich haben sie vor ein paar Monaten die Treppe runter gestoßen. Ich ging auch an Krücken wie Sie nach meiner Knieoperation. Da musste ich dann wochenlang im Krankenhaus liegen. Und glauben Sie nicht, mir hätte jemand geholfen. Die Bahn war voll wie jetzt."

Angst umklammerte mich: "Was wäre, wenn sie an derselben Haltestelle ausstiegen wie ich? Die lag unter der Erde und war kaum frequentiert um diese Zeit. Mein Herz klopfte. Was sollte ich tun? Noch eine Station weiter fahren? Dann würde ich zu spät kommen, schon wieder. Ich betete fast. Da standen sie auf, gingen an mir vorbei zur Tür, er zerrte den Hund hinter sich her, Sie knuffte mich noch einmal freundschaftlich in den Rücken, als die Bahn hielt. Ich schwieg aus Angst, sie könnten es sich noch einmal anders überlegen, denn die nächste Haltestelle war die meine.

An diesem Tag sprach ich kaum in der Therapiestunde, redete mich mit Schmerzen heraus, brachte das Gespräch auf belanglose Themen. Bedrückt und den Rücken noch tiefer gebeugt als sonst verließ ich die Praxis, passierte das kleine Einkaufszentrum ohne mich umzuschauen. Wie immer in den Sommermonaten war dort mittwochs ein kleiner französischer Markt aufgebaut. Aber der verschwenderische Duft nach Knoblauch und Rosmarin erregte diesmal nicht meine Geschmacksnerven. Ich humpelte so schnell es ging zum Taxistand und nannte dem Fahrer Straße und Hausnummer. "Vom Fahrgeld könnte ich mir drei gebundene Bücher kaufen", schoss es mir kurz durch den Kopf, bevor ich wieder in die Traurigkeit versank, die mich den ganzen Tag nicht mehr verlassen würde.

07.09.2006

Elefantengeschichten: Kenan wird getauft

Ich habe gerade in einem Film über Indiens Zukunft Autos neben Kühen, Kühe neben Fahrrädern, Motorräder neben Lastwagen, Rikschas neben Elefanten gesehen. Das alt bekannte Bild in Indiens Großstädten. Ich wähle den Elefanten zur Beförderung meines Ichs. Das ist mein traumfester Entschluss.

Mein Elefant ist stark, er ist treu, er ist männlich, er hört gut. Hört er mir sogar zu?

Nun lebe ich für diese Idee: Ich werde auf einem Elefanten durch die Stadt reiten. Von oben habe ich eine wunderbare Aussicht und werde absolut die Größte sein. Da mein Elefant so riesig groß ist, will ich mir dort oben auf seinem Rücken eine kleine Stube einrichten. In der kleinen Stube gibt es einen herrlich bequemen Diwan. Ein Bücherregeal und einen Würfel, auf dem mein feines kleines Apple-Notebook sich ausruhen darf, wenn ich es gerade einmal nicht benutze. Sonst brauche ich nichts, wenn ich auf meinem Elefanten reite, aber manchmal ist es gut, den Regen auf meinem Diwan abzuwarten. Und den Pizza-Service habe ich schon gefragt: Er liefert auch auf Elefanten.

Es muss schön sein, beim Vorwärtskommen auch noch sanft massiert zu werden. Schritt für Schritt ein sanftes Wiegen: Auf und Ab. Die Menschen sind genötigt Platz zu machen, sie tun es gern. Von meinem Thron aus kann ich weit bis an den Rhein schauen und darüber hinweg, zu den Sieben Bergen im Siebengebirge und zum Drachenfels, den mein Elefant spielend erklettert, manchmal im Laufschritt, weil er sich freut. Schneller als die Zahnradbahn, die dort die gehmüden Touristen hinauf befördert. Schneller auch als die Esel, auf denen die Kinder reiten. Sie rufen: "Sieh mal, Mama, ein weißer Elefant!" und "Papa, kannst du mir auch so ein Elefantenbaumhaus bauen, ach Papa, bitteeee!"

Mein Elefant heißt Kenan. Er hat sich selbst mit Wasser aus unserem kleinen Teich getauft, nahm einfach einen Rüssel voll und begoss sich damit, ernsthaft, heilig war ihm die Zeremonie. Und Helmut sprach: "Ich taufe dich auf den Namen Kenan." Da trompetete mein feiner edler Elefant so laut vor Freude, dass der ganze Venusberg erschallte, hinauf und hinunter.

Futter habe ich genug für Kenan, denn in Lieblings Nachbars Garten sprießen köstliche zarte Bambustriebe, die jedes Elefantenherz höher schlagen lassen, ein zarter Bambus. Genüsslich wird er ihn sich dort wegrüsseln. Und sein Rüssel ist auch lang genug, um auf Nachbars Balkon Ordnung zu schaffen.

Nun, die Menschen werden sich darüber wundern, dass ab und zu ein weißer Elefant durch Bonn stapft mit einem großen stolzen Mädchen aufgesattelt, das vor seinem Häuschen sitzt und liest und strickt, mit kerzengeradem Rücken.

03.09.2006

Un uccello di sole non canta più

Die Tatsache, dass Sobin gestorben ist, trifft mich fast so, wie die Umstände seines Todes.

In der Zeitung steht: "plötzlich und unerwartet". Das deutet nicht auf einen Unfalltod, sondern auf Schlaganfall oder Herzinfarkt, und sein rascher tod hat tatsächlich einen Herzinfarkt zur Ursache, dieser Tod eines lieben und geliebten Menschen, der so plötzlich so viele Menschen in unerwarteter Trauer zurück lässt.

Am Tag der Trauerfeier und Beerdingung fällt mir das wehmütige Gedicht "Weltende" von Else Lasker-Schüler ein, vor allem die ersten beiden Zeilen:

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär.
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen ...
Das Leben liegt in allen Herzen
Wie in Särgen.

Du! Wir wollen uns tief küssen -
Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

Warum fällt mir gerade dieses Gedicht ein, das ja an jüdische Motive anknüpft und die Tragik, das Ensetzen zweier Weltkriege und des Holocausts vorauszuahnen scheint?

Sobin war ein fröhlicher, das Leben bejahender Mensch gewesen, den man nie mit dem Tod in Verbindung gebracht hätte. Auf dem großen Portrait, das Freunde vor dem Sarg hertrugen wie Priester bei Prozessionen das christliche Kreuz, sah man einen stolzen jungen Menschen mit starker Ausstrahlung. Die kleinen Ohren standen oben leicht ab, was dem Gesicht trotz des ernsten Ausdrucks ein heiteres Aussehen verlieh. Und Präsenz.

Die Menschen konnten und wollten sich mit dem frühen Tod ihres Verwandten und Freundes nicht abfinden. Sie konnten es nicht fassen, sie wollten es nicht glauben, dass er niemals mehr auf seine übliche Art - schnellen Schrittes und mit lachendem Gesicht - plötzlich auftauchte, um die neuesten Geschichten zu erzählen. Und doch war ihnen klar, dass sie an einem Abschied für immer teilnahmen. Daher die Verzweiflung. Die Untröstlichkeit.

"Pourquoi Sobin? Warum Sobin? " wiederholte monoton und bis zur Erschöpfung mit fast gellender, anklagender Stimme eine junge Frau, die sich fest an einen Mann klammerte und sich einmal sogar auf den Boden warf.

Warum?

09.08.2006

Die alte Frau

Die alte Frau wohnt neben mir und hat am selben Tag wie ich Geburtstag, am 30. November, Schütze wie ich. Jedes Mal wartet sie an diesem Tag auf meinen Besuch, hält immer ein kleines Geschenk bereit, doch ich komme nie. Und nie ist sie mir deshalb böse. Sie überreicht mir die Flasche Wein oder die Schachtel Pralinen, die sie hat besorgen lassen und kauft im nächsten Jahr ein neues Geschenk, das sie mir nicht an der Haustür überreicht, sondern über den Gartenzaun reicht, den ihre Vermieterin hat errichten lassen. Wir brauchen keinen Zaun zwischen uns. Die Vermieterin ist die einzige Person, über die Frau B. nicht freundlich spricht, zu schlecht ist sie von ihr in den letzten Jahren behandelt worden. So hat diese, nachdem sie das Haus gekauft hat, in einer Nacht- und Nebelaktion sämtliche Bäume im Garten fällen lassen, darunter eine alte Eiche und einen Apfelbaum. Schlimmer aber war am Anfang der Verlust der alten Haselnusssträucher und der liebevoll angelegten und gepflegten Blumenbeete, von der mir die alte Frau immer wieder Fotos zeigt: alles wurde eingeebnet und durch düstere Nadelbäumchen ersetzt, die sich hinter dem Maschendraht zu einem Sichtschutz entwickeln sollten, alle schön in einer Reihe wie die Soldaten. „Wie auf dem Friedhof,“ hat Frau B. anfangs gejammert, „ich fühle mich wie auf dem Friedhof. Da kommen wir doch früh genug hin, stimmtet nicht?“ Dann aber hat sie es sich von der kaum jüngeren Vermieterin ausbedungen, vor der Terrassentür ein kleines Beet mit bunten Blumen anzulegen, das sie allerdings selbst zu pflegen hatte. Den Gärtnern, deren Bezahlung Frau B. sich mit der jungen Nachbarin oben zu teilen hat, ist es strikt verboten, an diesem Beet den kleinsten Handgriff zu verrichten.

Frau B. wohnt neben mir und ich freue mich immer darüber, wenn ich daran denke. Ihre Augen sind blau wie erwachsene Smaragde. Sie ist immer noch eine auffallende Erscheinung. Ihr weißes sanft gewelltes Haar umrahmt ihr schönes Gesicht, dessen Haut kaum Falten zeigt. Sie geht an zwei Gehhilfen wie ich, aber ihre sind rot – passend zu den Farben des Sommers. Sie kleidet sich geschmackvoll, obwohl sie in den letzten Jahren - wahrscheinlich wegen permanenten Mangels an Bewegung - mehr zugenommen hat, als sie wollte, nach ihrem Sturz, von dessen Folgen sie sich leider nie ganz erholt hat. Aber sie versucht so wenig wie möglich anderen zu überlassen. Was sie selbst tun kann, das tut sie auch. Manchmal spricht sie von sich in der dritten Person, immer dann, wenn sie von ihrer Nichte erzählt, dann nennt sie sich Tante Anneliese, das e von Tante auf rheinische Art weglassend. Das bedeutet aber nicht, dass sie nicht klar im Kopf wäre. Frau B., meine Nachbarin, ist eine Persönlichkeit und eine liebenswerte Frau. Sie wird uns allen in der Straße, ja, im ganzen Viertel, fehlen, wenn sie nicht mehr bei uns sein wird, womit man rechnen muss, denn vor ein paar Wochen ist sie wieder böse gestürzt und lag eine ganze Weile hilflos im kalten Hausflur, bis sie von ihrer jungen Nachbarin bei der Heimkehr gefunden wurde. Heute sah ich sie im Garten sitzen, ein warmes Tuch über ihre Schultern gelegt, wie sie die Kohlmeisen fütterte, die sich am Rand des kleinen Teiches badeten. Wie immer lächelte sie, als sie die Vögel rief. Gleich morgen werde ich sie fragen, ob sie ein wenig Zeit für mich hat, denn dieses Mal werde ich nicht auf mein Geburtstagsgeschenk warten, das sie mir wie immer am Ende des Jahres überreichen wird, denn Frau B. wird dieses Jahr schon 95 Jahre alt.

Paola Lifely, 090806

ein ort

der ort, an dem ich sein will, der muss mein zu hause sein, aber in deiner nähe, er muss am meer sein, aber in deiner nähe, er muss du sein, mehr als das meer, mehr als mein zu hause, mehr als ich?

Paola Lifely, 070806